IDEE FÜR DIE TRANSFORMATION EINER EHEMALIGEN BUSHALTESTELLE AN DER BERLINER STADTAUTOBAHN
Zwischen Liebe und Lehrstelle – die Bushaltestellen an der Stadtautobahn aus einer Zeit der West-Berliner Identitätssuche sind das faszinierende Relikt einer fehlgeleiteten Verkehrspolitik der 60er Jahre und des öffentlichen Nahverkehrs. Angeknüpft am bis heute unvollständigen Ring der A100, unterirdisch oder oberirdisch, opulent wie die zweischenklige Anlage der ersten Haltestelle am Rathenauplatz oder subtil wie die eingegrabenen Tunnelschächte am Messedamm wurden diese urbanen Schwellenräume mit der Wiederinbetriebnahme der Ringbahn endgültig obsolet. In diese Serie an ursprünglich 13 hochindividualisierten Bauwerken reiht sich die Situation an der Tiburtiusbrücke im Berliner Stadtteil Steglitz ein, die durch mangelnde soziale Kontrolle trotz ihrer wichtigen stadträumlichen Bedeutung zum Angstraum mutiert und verwahrlost.
Die Tiburtiusbrücke quert einen metropolen Straßenraum. Die Autobahn und die Gleise der Bahn zerschneiden an dieser Stelle die Stadt. Für den östlichen Bereich um die Bismarckstraße ist die Brücke das notwendige, jedoch bis dato völlig desolate Gelenk der beiden Stadtteilhälften und die einzige direkte Anbindung an die Schlossstraße. Neben dem „Bierpinsel“, dem denkmalgeschützten Wahrzeichen aus Beton, der gläsernen „Werken, Spielen, Schenken“-Burg, deren Wehrtürme neben der Fahrbahn hervorspitzen und der sich zwischen den Brückenpfeilern windenden Carrerabahn des Parkhauses an der Günther Straße ist die Infraskulptur der Haltestelle nur einer der baulichen Restraumparasiten an dieser Schnittstelle.
Bei entsprechender positiver Umwandlung wird diese infrastrukturelle Barriere zum wichtigen fußläufigen Bindeglied der Stadtteile. Die Bar mit Dachterrasse führt die öffentliche, zur Tiburtiusbrücke führende Treppe weiter fort. Der massive Betonkörper trägt die leichte, neu aufgesetzte Box. Sie komplementiert den Dreisatz der Steglitzer Hochpunkte zwischen Bierpinsel und dem niemals fertig werdenden „Steglitzer Kreisel“ und wird zum schwebenden Balkon in die weite Welt. Im Sinne eines zirkulären Ansatzes sollen Materialien aus urbanen Mienen die Schichtung des Bestandes fortschreiben. Besonders in den Abendstunden, zur „blauen Stunde“, inszeniert die mehrgeschossige Lounge mit Dachterrasse weit über den vorbeiziehenden Lichtstreifen der Autos den Blick bis zur Stadtmitte. Der Fernsehturm am Alex und die Kuppeln des Berliner Doms sowie der Gasometer in Schöneberg bilden den Fokus der Perspektive in Richtung Stadt. Gerade abends ist der verwahrloste Angstraum wieder ein sozialer Ort besonderer Qualität. Anders als beim Bierpinsel ist der Weg selbst der Ort.
VISION POSSIBLE
Architektur kann Orte verwandeln: Dabei interessiert uns vor allem, wie die vermeintlichen Defizite eines Ortes transformiert werden können. Spannend werden Konzepte meist dann, wenn sie mit einer einfachen, aber bildkräftigen räumlichen Idee plötzlich möglichst alle Belange und Probleme lösen und gleichzeitig differenzierte, schlüssige Räume schaffen. In der permanenten Auseinandersetzung mit unserer räumlichen Umwelt zwischen Städtebau, Architektur und Landschaft entstehen allein aus dem Ort heraus Ideen und Konzepte, die wir als Anregung für eine zukunftsweisende Stadtentwicklung verbildlichen wollen. Das Ergebnis ist ein aussagekräftiges Bild und erläuternde Handskizzen.
© 2026 Vision Possible ist ein Ideen-Projekt von REICHWALD SCHULTZ & PARTNER